Historischer Textbestand. Autor: Knud Rasmussen. Die ursprüngliche Seiteneinteilung bleibt als Orientierung erhalten. Sprache und zeitbezogene Angaben entsprechen der historischen Vorlage.
Zur Einstimmung (! Hier kann man das Buch lesen !)
Eine wenig bekannte Geschichte aus dem Leben von Knud Rassmussen. Geb. 1879 in Jakobshavn. Gestorben 1933 in Dänemark. Er hat der Nachwelt sehr viel Wissen um die Kultur der Inuit, um das Leben in dieser Welt hinterlassen. So ist diese Geschichte keine Kajakgeschichte oder damit in Verbindung zu bringen. Aber sie vermittelt die grossartige Einstellung von Knudchen (Kuunguaq), es war der Kosename der Inuit für Knud, zur Natur.Viel Freude bei der Lektüre.
W. Half
Herausgegeben 1962 vom Kgl. dänischen Ministerium des Äußeren.
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Der Bär in der Wake
Von Knud RasmussenMan hat mich gebeten, die spannendsten Augenblicke meines Lebens zu erzählen, und wenn ich das nun versuche, muß ich gestehen, daß es genug lebensgefährliche Erlebnisse gegeben hat, zwischen denen sich wählen ließe.
Ich habe gegen Hunger gekämpft und wäre um ein Haar erlegen.
Ich bin mit dem Treibeis um die Wette gelaufen und habe gerade noch in dem Augenblick das Land erreicht, als alles hinter mir ein einziges schwarzes, brüllendes Meer wurde.
Ich habe mich in einem Schneesturm verirrt, der mich so mit Kälte und Erschöpfung überwältigte, daß ich nahe daran war, den Willen zum Leben zu verlieren.
Und in einer dunklen Winternacht habe ich, halb nackt und unbewaffnet, einen erbitterten und wilden Kampf mit einem Eskimo gekämpft, der mich mit einem Messer erstechen wollte.
Doch sind nicht das alles im Leben fahrender Leute die gewöhnlichen Abenteuer?
Nein: soll ich vom eigentümlichsten aller meiner Erlebnisse erzählen, so bedenke ich mich keinen Augenblick, jenen Zwischenfall von einer Jagd zu wählen, bei der plötzliche und unvorgesehene Ereignisse einen solchen Verlauf nahmen, daß ich gemeinsam mit einem Eisbär ums Leben kämpfen mußte. Das war in der Melvillebucht auf einer Reise -zusammen mit, dem Polareskimo Qolutanguaq, einem berühmten Großfänger vom Kap York.
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Es war während der dunklen Zeit, eine Woche Schneesturm hatte uns untätig in einer Schneehütte eingesperrt, und als man endlich wieder ins Freie konnte, hatten wir all unsre Vorräte aufgezehrt. Bis zu Menschen war es weit; das einzige jagdbare Wild in dieser Jahreszeit waren Bären, und wir hatten jeder ein Gespann Hunde, denen wir so schnell wie möglich Futter schaffen mußten.
Beim Morgengrauen brachen wir auf, nachdem wir unsre letzte Mahlzeit zu uns genommen hatten. Unsre Schlitten waren leer, und das würden bald auch unsere Magen sein. Kein Wunder, daß uns bei der Abfahrt alle Wünsche nach guter Jagd beseelten.
Während des Unwetters hatten die Hunde sich gut ausruhen können, und jetzt nahmen sie das Eis wie im Sturm. Mit gleich fliegenden Fahnen erhobenen Ruten sausten sie los, und mit einer Kraft, die zeigte, daß ihr Instinkt ihnen sagte, dies werde kein gewöhnlicher Reisetag mit seinen Mühen und Anstrengungen sein, sondern eine Jagd nach Futter, nach Nahrung. Sie schnupperten in die Luft, ihre Ohren zitterten in angespanntem Lauschen während ihres Laufs, und jedesmal, wenn eine vom Atemloch eines Seehunds kommende Brise ihre Nasenlöcher mit Fleischgeruch erfüllte, erhöhten sie aufs neue ihre Geschwindigkeit.
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Wir waren schon weit weg vom Lagerplatz, ohne eine einzige frische Spur gesehen zu haben. Das Tageslicht wollte schon ganz ins Dämmerdunkel übergehen, und wir fingen allmählich an zu befürchten, daß wir mit leeren Händen von der Nacht überrascht würden. Aber in der Nähe eines vor uns liegenden Walles von Packeis gaben die Hunde den Stricken plötzlich einen solchen Ruck, daß wir auf den Schlitten hintenüber taumelten. Ein stark warmer Geruch hatte unsern Kurs gestreift, und nun ging die Fahrt so wild dahin, daß der Schlitten oft mit der einen Kufe frei in der Luft schwebend vorwärts schoß, ganz wie ein Schiff, dessen eine Reling vom Sturm bis ins Meer hinunter gedrückt wird.
Jedes unsrer beiden Gespanne bestand aus lauter geübten Bärenhunden. Sie hielten sich dicht beieinander, es war ein Wettlauf, und wir wußten, das nur ein Bär sie dermaßen in Aufregung bring konnte. Es dauerte nicht lange, bis wir in frische Spuren hineinfuhren, große, tiefe Abdrücke im weichen Schnee. Doch der Bär hatte uns bereits gehört; die Fährte zeichnete in langen Sprüngen die Flucht ab, die ihn in die Richtung auf einige Eisfelsen einige Meilen östlich von eins hingetragen hatte, nicht weit vorn Inlandeis.
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Gejagte Bären suchen immer, wenn sich die Gelegenheit bietet, Rettung auf dem Gipfel eines steilen Eisfelsens, wohin die Hunde ihnen nicht folgen können. Selbst wenn solch ein Eisfelsen mit senkrechten, glatten Wänden dasteht, sind die scharfen Bärenklauen imstande, sich darin festzuhauen. Nur ein einziges Mal habe ich gesehen, daß ein Bär dicht unter der Spitze den Halt verlor; im Fall brach er seinen einen Hinterschenkel, vermochte aber dennoch, sich ein Loch durch das Eis zu schlagen und unter dem Eisfelsen Zuflucht zu suchen.
Jetzt kam es für uns darauf an, den Bären so schnell wie möglich zu überholen, solange er sich noch auf der ebenen Eisdecke über dem Meer befand.
Im selben Augenblick, als die Hunde bis an die Spuren herangekommen waren, machten sie halt und sogen, an allen Gliedern zitternd, den Geruch der Beute ein, wie um zu untersuchen, nach welcher, Seite sie laufen müßten. Die roten Zungen schlugen aus ihren ereifernden Mäulern heraus, und die Nüstern standen weit offen gegen den Wind. Dabei verloren Qolutanguaqs Hunde vor Erregung alle Besinnung.. und in ihrer Überreizung, bevor ihr Herr es verhindern konnte, nahmen sie die Fährte in der verkehrten Richtung auf.
Hungernde Hunde werdden zu wilden Tieren in dem Augenblick, wenn sie Bärengeruch wahrnehmnen. Der alte Wolfsinstinkt in ihnen erwacht, sie entschlagen sich aller angelernten Zucht und hören nicht mehr auf die Zurufe des Fahrers. So auch hier: alle zwölf Hunde rasten wie blind auf die nächsten Schollenbrüche los, und sofort lagen sie
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als ein einziger, großer lebendiger Haufen da, hilflos verknäuelt in ihre Stricke und völlig verwirrt zwischen den Eisstücken strampelnd.
Ich war boshaft genug, über dies Mißgeschick zu lachen, denn - dessen war ich sicher - ich würde jetzt einen solchen Vorsprung gewinnen, daß diese Bärenjagd mir allein zufallen werde. Und das war genau das, was ich mir wünschte. Wenn es um Großwild geht, werden alle Jäger zu Kindern, und jede Bärenjagd ist eine Herausforderung der Hundeschlittenfahrer untereinander. Es gilt, bei Verfolgung der Fährte der Vorderste zu sein und als erster zum Schuß zu kommen. Und jetzt würde dies also mein Bär werden. Ich zischte meinen Bärenpfiff zwischen den Zähnen heraus, und der Schlitten wurde geradezu in die Luft emporgeschleudert, als nun die zwölf bis zur Verzweiflung ausgehungerten Hunde ihrem alten Todfeind nachsetzten.
Ein flüchtender Bär sucht seinen Verfolgern so viel Hindernisse wie möglich in den Weg zu legen. Am liebsten strebt er nach draußen dem Eisrand zu, von wo er sich mit einer solchen Gewandtheit ins offene Wasser wirft, als sei er ein Meerestier, das in sein eigenes Element zurückkehrt. Ist es aber bis dahin zu weit, so flieht er oft einfach nur auf unfahrbar holperiges Packeis, auf dem Schlitten und Hunde stecken bleiben. Zum Glück jedoch sind die Hunde schneller, geschickter und, was noch wichtiger ist, weit ausdauernder. Und darum wird der Bär in der Regel eingeholt.
Das erste, was ich jetzt tun mußte, war, vier meiner besten Hunde loszukoppeln. Und das war nicht leicht bei der fliegenden Fahrt, mit der ich jetzt über das holperige Eis dahinschoß. Es galt aufzupassen, um nicht vorn Schlitten herabgeschleudert zu werden. Ohne etwas zu haben, worauf ich mich hätte stützen können, ergriff ich den Vorderriemen, der alle Stricke der Hunde in einem großen Knäuel
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verschlungener Leinen zusammenfaßte, und begann, das jetzt mit mindestens dreißig Stundenkilometern laufende Gespann an mich heranzuziehen. Mein Messer hatte ich quer im Mund, und sobald ich einen der Hunde erreichen konnte, die ich loskoppeln wollte, ließ ich mit der rechten Hand die Stricke los, schnappte das Messer aus dem Mund und schnitt den Strick durch. Sofort flog der losgelassene Hund nach vorn - ein Bündel freigewordener Muskeln, nur ein paar kurze Minuten noch sichtbar, dann aber gänzlich verschwunden, weggewirbelt von seiner eigenen Leidenschaft.
Die spannendste Lage im Leben jedes Bärenjägers, so denke ich mir, ist wohl die, wenn er ganz draußen auf den äußersten Querhölzern des Schlittens das Gleichgewicht zu halten sucht, sein ganzes wildes Vorgespann in der linken Hand, während er mit der rechten blitzschnell die Stricke durchschneidet. Wird man heruntergeschleudert, so fällt man unweigerlich gerade vor die scharfen Schlittenkufen,
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und kein Zuruf der Welt vermag Hunde zum Stehen zu bringen, wenn sie einen Bären gewittert haben.
Ein, zwei, drei, vier rasche Schnitte, das Messer wieder in den Mund, und mit beiden Händen lockerte ich nun die Stricke wieder bis zu ihrer vollen Länge. Die besten Hunde waren nun der Vortrupp der Verfolger, und wenn sie auch einen alten Bären nicht völlig zum Stehen bringen konnten, so würden sie ihn doch so sehr aufhalten, daß wir anderen ihn bald einholen könnten.
Bärenhunde haben ihre eigene Taktik; sie bohren ihre Zähne dem Meister Petz tief in sein fettes Hinterteil, was ihm vielleicht garnicht sehr wehtut, aber er findet den Spaß unwürdig, so daß er sich auf seinen angegriffenen Körperteil setzt und mit seinen breiten Vordertatzen die naseweisen Beleidiger von sich scheucht. Währenddessen kommt der Jäger näher heran.
Der große Augenblick dieser ganzen halsbrecherischen Jagd war da, als ich den Bären in Sicht be-
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kam. Es war ein mächtiger gelber Körper, der in dem weißen Schnee herumtanzte; die Hunde umschwärmten ihn, als hätten sie Flügel, und so stark setzten sie ihm zu, daß er sich nur ganz langsam, mit häufigen Aufenthalten, bis an die Eisfelsen heranarbeiten konnte, die wir jetzt erreicht hatten.
Zum letzten Mal zog ich den Vorderriemen ein, und ein einziger Messerschnitt über das Strickebündel koppelte alle Hunde los. Laut kleffend stoben sie wie ein einziger Haufe davon, während der Schlitten noch über das Eis dahinfuhr. Ich ergriff mein Gewehr und folgte nach.
Es war nötig, aus nächster Nähe zu schießen, um nicht einen der Hunde zu treffen. Die hatten den Bären nun völlig umringt, und dabei kann es vorkommen, daß eine Kugel den Bären ganz durchbohrt und zum Überfluß auch noch einen Hund trifft. Außerdem durfte die Hand nicht zittern. Der Schuß mußte sofort tödlich sein, denn sobald der Jäger sich zeigt, weiß der Bär, daß der, und nicht die Hunde, sein eigentlicher Feind ist. Wird er nicht durch einen einzigen Schuß getötet, so schleudert er die Hunde zur Seite und greift an.
Es war ein junges Männchen, der königliche Wanderer der Eiswüste, festlich schimmernd in einem langhaarigen, gelblichen Pelz, der in seiner neugewachsenen Pracht gleichsam funkelte - ein karnpfgeübter, baumstarker Riese, der aus dem offenen Meer der Baffinbucht hergekommen war, die weißen, rasselnden Eiszapfen noch in seinem feinen, wenigen Bauchhaar. jetzt war er auf dem Weg in die Küstengegend, um die fetten Fjordseehunde zu jagen, die sich in den Rissen und Spalten vor den großen Gletschern aufhalten.
Das war gute Beute!
Ich war kaum sechs Meter von ihm, als er mich entdeckte, die Hunde von sich scheuchte und sich auf die Hinterbeine erhob, noch gewaltiger und
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schöner als vorher, wie er in seiner vollen Größe vor mir stand und mich anstarrte. Er blieb einige Sekunden stehen, bis er voll Atem geschöpft hatte, dann hob er sich in gewaltigem Sprung hoch über die Hunde und ließ sich auf das Eis herabfallen mit der ganzen Wucht seines schweren Körpers und mit aller Kraft der gespannten Muskeln seiner Vorderpranken.
Damit tat er das, was das Lieblingsmanöver aller Bären ist, wenn sie sich auf Neueis befinden. Er wollte sich eine Wake brechen, in der er mich und die Hunde loswerden könne, denn er wußte, daß wir das feste Eis unter den Füßen behalten mußten, während er selber im Wasser alle Vorteile für sich hatte.
Ich war mir völlig klar über das, was der Bär vorhatte; von früheren Jagden her war ich diesen Kniff gewohnt, und ich genoß ganz einfach die Schönheit dieser Kraftentfaltung, ohne mich daran zu kehren, was nachher geschehen werde. Ich wußte, daß er unter das Wasser tauchen wie ein Seehund und dann unter dem Eis weit wegschwimmen wollte, um sich zu kühlen, aber lange würde es nicht dauern, bis er wieder zum Vorschein käme, um Luft zu holen, und dann war für mich der Zeitpunkt gekommen, um zu feuern.
Alles sollte diesmal jedoch einen ganz andern Verlauf nehmen. Das Eis war dünner, als ich geglaubt hatte, und zwischen den Eisfelsen hier ging eine reißende Strömung. Im selben Augenblick, als der Bär unter sich das Eis zersplitterte, schlug dieses Risse nach allen Richtungen, und bevor ich zur Seite zu springen vermochte, war ich bis an den Hals im Wasser.
In meiner ersten Aufregung dachte ich Oberhaupt nicht mehr an den Bären. Mein einziger Gedanke war, wieder hochzukommen. Mit dem Gewehr in der linken Hand hoch über meinem Kopf, arbeitete
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ich mich bis an den Eisrand heran und versuchte hinaufzukriechen. Doch das Neueis war naß und glitschig, nirgendwo und an nichts konnte ich mich festhalten, und jedesmal, wenn ich mich bis zur Brust über den Rand hinaufgedrückt hatte, brach unter mir wieder das Eis.
Ich hatte die gewöhnliche Wintertracht der Polareskimos an: lange Stiefel, Hosen aus Bärenfell und einen Renntierpelz; kaum waren die schweren, lang. behaarten Felle vom Wasser gesättigt, als es mir schon schwerfiel, den Kopf über Wasser zu halten. Zugleich drückte die starke Strömung mich immer mehr unter das Eis.
Um beide Arme zum Schwimmen freizubekommen, versuchte ich, mein Gewehr auf das Eis hinüberzuwerfen, aber meine Finger waren bereits so klamm, daß die Büchse mir aus den Händen glitt

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und ins Wasser sank. Und jetzt erst wandten sich meine Gedanken zum erstenmal wieder dem Bären zu, der in dem gleichen engen Wasserloch umherschwamm wie ich selbst.
Ich war völlig hilflos; alles, was ich tun konnte, war, mich so weit von ihm wegzuhalten wie möglich. Zu meiner Beruhigung merkte ich bald, daß er vor mir ebenso bange war wie ich vor ihm. Wir waren beide in derselben Wake gefangen, und der einzige Unterschied zwischen uns war der, daß die Hunde sich wie zu einem Rudel um ihn geschart hatten, mich jedoch in Frieden ließen.
Jetzt, da ich beide Hände freihatte, versuchte ich wieder hinaufzuklettern, jedoch nur mit dem Ergebnis, daß ich immer mehr Eis abbrach und meine Kräfte erschöpfte. Bei jeder Bewegung, die ich machte, behielt ich sorgsam den Bären im Auge; ich gestehe ehrlich, daß ich mich in Todesangst befand, denn ich erwartete jede Minute, daß er sich auf mich stürzen werde. Und gemütlich sah er auch nicht gerade aus; denn jedesmal wenn ich mich rührte, fletschte er, die Zähne und knurrte, ganz als ob er erwarte, daß auch ich ihn angreifen werde.
Meine Erregtheit dauerte jedoch nicht lange; das kalte Wasser kühlte bald mein Blut, eine sonderbare Ruhe überkam mich. Und ohne daß ich eigentlich einen Grund dafür angeben könnte, begann ich, meinen seltsamen Kameraden aufmerksam zu studieren. Trotz der gefährlichen Lage, in der ich mich befand, ergriff mich für ihn eine lebhafte Anteilnahme, und mein Gehirn arbeitete rasch und nüchtern.
Ich, bisher nur ans Töten gewöhnt, hatte nie gewußt, daß die Augen eines Bären ausdrucksvoll sein könnten. Zunächst sah ich in ihnen nur Angst und Wut, allmählich jedoch und im selben Maße, in dem er sich an mich
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begann ich, ihn noch aufmerksamer zu betrachten als vorher. Und mit Verwunderung bemerkte ich, daß ich ihn nicht mehr wie ein Stück Großwild ansah, das es zu töten galt, sondern wie ein denkendes, vernunftbegabtes Geschöpf, das sich in derselben Not befand wie ich. Mir schien fast, als könne ich sehen, wie die Gedanken in ihm entstanden. Mit seinen bald auf die Hunde, bald auf mich gerichteten Augen schien er sich darüber zu wundern, weshalb auch ich ins Wasser gesprungen sein mochte. Er wußte jetzt, daß ich ihm nichts zuleidetun wollte. Aber was dann? Ob vielleicht auch ich in der Wake Zuflucht vor den Hunden gesucht hatte? Er selber, der Bär, hätte sich mit einem einzigen Sprung aus dem Wasser und bis weit auf das Eis hinauf werfen können, wenn er das nur all der klaffenden Bestien wegen hätte wagen dürfen, die ihm mit ihren scharfen Zähnen das Fell zerzausen wollten. Und wenn nun auch ich nicht aus dem Wasser sprang - war der Grund dann nicht der, daß wir beide denselben Kampf kämpften gegen dieselben Feinde, die Hunde?
Als ich mit meinem Gedanlenlesen so weit gediehen war, hatte ich fast das Empfinden, daß der Bär mich verstehe und mit mir fühle. Aber ich ging mit meinen Schlußfolgerungen noch weiter. Ich sah, wie der Bär bemerkte, daß während die Hunde ihn unaufhörlich plagten und, so oft sie nur nahe genug kommen konnten, nach seinem Maul schnappten, sie sich von mir fernhielten, ganz als seien sie bange vor mir. Könnte das vielleicht daran liegen, daß ich mehr als er Herr der Lage wäre, von uns beiden der Stärkere, Gefährlichere?
Jetzt drehte er ganz ruhig den Kopf nach mir um, und ich konnte nicht umhin zu bemerken, daß er dabei freundlich aussah. Und zu meiner völligen Verblüffung begann er, sich ganz langsam zu mir hin zu arbeiten, um bei mir Schutz zu suchen
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Er war nur ein paar Meter von mir, aber obwohl ich mich bis zu einem gewissen Grad sicher vor ihm fühlte, wurde mir doch plötzlich wieder angst und bange. Denn die unausgesetzten Angriffe der Hunde könnten ihn so aus dem Gleichgewicht bringen, daß er in einem Wutausbruch über mich herfiele. Einer plötzlichen Eingebung folgend rief ich darum aus voller Lungenkraft die Hunde an; ich befahl sie zurück. Die Jagd hatte nun lange genug gedauert, daß sie wieder hören und sehen konnten; ich hatte sie wieder in meiner Gewalt, und obwohl es ein bißchen dauerte, gehorchten sie. Enttäuscht knurrend zogen sie sich auf dem Eis weiter zurück und blieben in einiger Entfernung stehen.
Zum erstenmal seit Beginn der Jagd war der Bär ganz sich selber überlassen, und jetzt geschah etwa was ich niemals vergessen werde. Er begriff, daß ich seine Angreifer verscheucht hatte, wieder wandte er mir seinen Kopf zu, und diesmal war kein Irrtum möglich, in seinen Augen war ein Ausdruck der Dankbarkeit. Es war der gleiche Ausdruck, den ich so oft bei meinen Hunden gesehen hatte, wenn ich sie streichelte oder sonst etwas tat. was sie erfreute. Es ist nicht leicht, den Gesichtsausdruck eines Raubtiers zu beschreiben, aber keiner, der Umgang mit Tieren gewohnt ist, wird bezweifeln können,daß selbst wilde Tiere Dankbarkeit zeigen können. Der Bär, der mich hätte töten können, schonte nicht nur mein Leben, sondern begegnete mir in der kalten Wake als einem Freund, der ihm geholfen hatte.
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Nun ist es wohl kaum etwas Ungewöhnliches, daß Menschen, die verzweifelt um ihr Leben kämpfen, in ihrer Ohnmacht gute Vorsätze fassen und Gelübde ablegen, die sie getreulich zu erfüllen versprechen, falls sie vorn Tode errettet werden. So erging es mir. Ich gelobte, daß falls ich von diesem Abenteuer mit dem Leben davonkäme, ich alles tun wolle, was in meiner Macht stände, um auch das Leben des Bären zu retten. Mit Zähnen, die mir vor Kälte im Munde klapperten, versprach ich mir selber, daß weder ich noch irgendein anderer diesen Bären töten solle; stünde es bei mir, so solle er zurückkehren in die unermeßlichen Jagdgründe, aus denen er gekommen.
Ich war wohl kaum länger als zehn Minuten im Wasser gewesen, aber es waren 25 Grad Kälte, und jede Minute erschien mir eine Ewigkeit. Recht lange würde ich mich nicht mehr aufrecht halten können und käme nicht bald Hilfe, würden meine Arme versagen und ich selber unter das Eis gleiten ...
Fast hatte ich schon alle Hoffnung aufgegeben, als Qolutanguaq plötzlich einige hundert Meter entfernt zwischen dem Packeis zum Vorschein kam. Kaum hatte er mich erblickt - fast Schulter an Schulter mit dem riesigen Bären und die Hunde ein Stück von uns weg, scheinbar ohne sich um das Wild überhaupt zu kümrnern - so ergriff ihn eine derartige Erregung, daß er ein lautes Gebrüll ausstieß, von seinem Schlitten sprang und mit verdoppelter Geschwindigkeit auf mich zulief. Ich begriff, daß ich gerettet war. Im Laufe von einer oder zwei Minuten würde ich aus der Wake heraus sein. jetzt also war es Zeit, an mein Gelübde zu denken, und indem ich meine letzten Kräfte zusammennahm, rief ich Qolutanguaq zu: »Schieß nicht den Bären schieß nicht den Bären!«
Meine Zähne klapperten mir dermaßen im Mund, daß mein Ruf zu einem unartikulierten Geheul
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wurde. Mehrmals mußte ich meine Worte wiederholen. bis er sie verstand. Zuerst war er wie gelähmt. Er meinte ich sei verrückt geworden; schließlich aber glaubte er, den Sinn erraten zu haben, und rief zurück: »Nein - natürlich werde ich dir zuerst helfen.«
Dann koppelte er alle seine Hunde los, und während diese auf den Eisrand zustürmten, um sich über den Bären zu stürzen, ergriff er eine lange Harpunenleine, die er auf dem Schlitten hatte, machte sie mit einer Peitsche noch länger und warf sie zu mir herüber; die Leine erreichte mich, und ich ergriff sie. Ich drehte mich mit dem Rücken gegen die Eiskante, hakte mich mit dem Nacken an dieser fest. und als ich auf diese Weise beide Hände frei hatte. band ich mir die Leine um den Leib. Darauf war es für Qolutanguaq nur noch Sache eines Augenblicks, mich herauszuziehen.
Das letzte, was ich vorn Bären noch sah, war ein Sprung.. den er auf das Eis hinauf machte, wie um den neuen Feind von sich abzuhalten. Aber die Hunde hinderten ihn, und er glitt wieder in die Wake zurück.
Sowie ich aus dem Wasser heraus war, fuhr mir die Kälte mit solcher Gewalt in die Glieder, daß ich das Bewußtsein verlor. Ich versuchte zu sprechen. aber die Worte erstarben zwischen meinen Lippen zu einem Flüstern: »Schieß nicht. . . , schieß nicht ... «, und dann wurde alles um mich her schwarz.
Als ich wieder zu mir kam, lagen meine nassen Kleider steifgefroren neben mir auf dem Eis; ich selber lag nackt, aber warm und springlebendig in meinem Schlafsack. Der Eskimo stand lächelnd vor mir mit einer dampfenden Tasse Tee, die er mir an die Lippen hielt.
Mein erster Gedanke galt dem Bären.
»Aber der Bär - wo ist der Bär?«
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Der Eskimo lachte herzlich, weil es ihm Spaß machte, daß nicht immer der Mann den Bären erlegt, der ihm zuerst auf der Spur ist und als erster ihn einholt.
»Mach dir keine Sorge um den Bären«, antwortete er, mich neckend,. »dem hab' ich schon das Fell abgezogen.